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Rückblick PDF Print E-mail
Written by Administrator   
Monday, 27 November 2006
rueckblick   

Eine Serie in 5 Teilen. 7 Operationen konnten  192 Weltcuprennen, 15 Siege, 32 Podestplätze, einen WM-Titel und eine Olympia-Medaille nicht verhindern.

 

Mit freundlicher Genehmigung von Skionline.ch

Zwölf Jahre Weltcup. In meinem Rückblick  konzentriere ich mich auf  die schmerzlichen Momente, auf Verletzungen und Operationen. Einfach deshalb, weil ich aufzeigen will, wieviel man erreichen kann, wenn man die richtigen Leute trifft und  mit Engagement, Willen und positivem Denken ans Werk geht!


Teil 1: Der Arzt meinte, ich sei ein Weichei

Als knapp 16-Jährige war ich 1988 mit vier weiteren Kolleginnen von den JO direkt ins C-Kader aufgestiegen. Wir galten als grosse Talent und kamen in den Genuss dieser Ausnahme. Auch Corinne Rey-Bellet war dabei.  

Schon ein Jahr später stürzte ich in einem Super-G an den österreichischen Jugendmeisterschaften. Kreuzbandriss. Meniskusschaden. Und was der Arzt übersehen hatte: Kleine Knorpeleinrisse, die zum grossen Problem in meiner Karriere werden sollten.
 
Operation und Nachbehandlung gingen total daneben. Ich fiel ein ganzes Jahr aus! Erst im Februar 1990 durfte ich erstmals wieder auf die Ski.
 
Nach intensiven Trainingsmonaten gabs schon Probleme. Also Operation.
 
Im folgenden Winter (90/91) startete ich wieder bei FIS-Rennen, hatte aber grossen Trainingsrückstand und war körperlich auf einem schlechten Niveau. Meinen Teamkolleginnen fuhr ich um Sekunden hinterher. Das war deprimierend.
 
Sommer 1991. Wasser im Knie. Ständig Schmerzen. Kein Training mehr. Dritte Operation. Erst jetzt entdeckte der Arzt den Knorpelschaden. Aber er meinte, das sei nicht so tragisch.
 
Nach dieser dritten Operation wurden die Schmerzen immer schlimmer. Ich konnte nicht mehr Treppengehen, nicht einmal mehr zehn Minuten lang Velofahren.
 
Ich war erst 19 Jahre alt. Es gab mir zu Denken!
 
Der Arzt und der Physiotherapeut verstanden nicht, weshalb ich Schmerzen hatte. Ich sie glaubten, ich sei ein Weichei und hätte ein psychisches Problem. Ich müsse halt auf die Zähne beissen, über die Schmerzen hinwegspringen, sie einfach ignorieren, denn das Knie sei in Ordnung. Schliesslich sei es ja frisch operiert.
 
Nach einigen Wochen und vielen Zweifeln wechselte ich den Arzt und fuhr zu Dr. Urs Schneider nach Zürich, der damals unser Verbandsarzt war.
 
Schneider operierte mich ein viertes Mal. In meinem Knie herrschte ein Chaos. Ganze Knorpelstücke waren weggebrochen, die Patellasehne nicht mehr in Ordnung und, und, und.
 
Mit 19 Jahren stand ich am Beginn einer Arthrose. Dr. Schneider meinte mit ernster Miene, ich solle mir gut überlegen, ob ich noch Spitzensport treiben wolle. Ich sei ja noch so jung, aber dieses Knie…
 
Auf jeden Fall fiel ich auch im kommenden Winter aus.

 

2. Teil: Voltaren als ständiger Begleiter

Nach der niederschmetternden Diagnose von Dr. Urs Schneider glaubte kaum noch jemand an mich, zumal ich ja den folgenden Winter wieder verpasste.
 
Und was machte der Ski-Verband? 1992 wurde ich in den Regionalverband zurück versetzt mit der Begründung, Swiss Ski sei kein Krankenhaus, sondern eben der Ski-Verband.
 
Was blieb mir anderes übrig, als mit dem Ostschweizer Ski-Verband (OSSV) und auf Kosten meiner Eltern zu trainieren. Immerhin konnte ich erstmals seit dem Sturz 1989 wieder einen ganzen Sommer und Herbst ohne Schmerzen trainieren.
 
Bereits im Dezember gewann ich mit zum Teil sehr hohen Startnummer bereits die ersten FIS-Rennen. So durfte ich auch im Europacup antreten und schaffte auch dort Podestplätze. Als Belohnung durfte ich sogar erstmals im Weltcup starten. Dabei gehörte ich ja noch immer keinem nationalen Kader mehr an. Und schon beim ersten Rennen in Schweden (Vemdalen) schaffte ich es in den zweiten Lauf und kam so mit Rang 22 zu meinen ersten Weltcuppunkten. Ich kann mich noch heute sehr gut daran erinnern!
 
Zwei Wochen später wurde ich Schweizer Meisterin im Riesenslalom und im Frühling 1993 wieder ins B-Kader von Swiss Ski aufgenommen.
 
Es ging mit dem Teufel zu und her. Kaum wieder in einem nationalen Kader, und schon gabs wieder Probleme. Das Knie schmerzte. Also die fünfte Operation. Wieder war ein Stück Knorpel abgebrochen. Dr. Schneider meinte, ich hätte ein Knie wie eine 90-Jährige! Und: Er sehe kaum noch Chancen, dass ich jemals wieder ohne Schmerzen würde Skifahren können, geschweige einen Riesenslalom oder Slalom auf eisiger Piste.
 
Für mich brach eine Welt zusammen!
 
Aber aufgeben wollte ich nicht. Eine innere Stimme trieb mich zum Weitermachen. Ich verschlang Bücher über positives Denken, über die Kraft der Gedanken – und ich informierte mich über Arthrose! Und seither gehörten die Voltaren-Tabletten zu mir wie die Zahnbürste.
 
Es folgten zweieinhalb „gesunde“ Jahre. Als Mitglied des B-Kaders durfte ich 1994 mit dem Weltcupteam nach Amerika ins Training mitfliegen und während der ganzen Saison die Weltcup-Riesenslaloms bestreiten. Ende Saison hatte ich den Sprung in die erste Gruppe geschafft und den direkten Aufstieg vom B-Kader in die Nationalmannschaft.
 
Sommer und Herbst 1995 verliefen wieder sehr gut, das heisst schmerzfrei. Ich kann euch sagen: In Saas Fee oder Zermatt, am frühen Morgen auf dem Gletscher, wenn die Sonne aufging, die Schneekristalle glitzerten – das habe ich wahnsinnig genossen, das gab mir so viel Kraft zurück.

Ich war glücklich.
 

3. Teil: Dr. Rolf Hohmeister, der Retter

Im Januar 1996 stand ich als Zweite des Riesenslaloms von Maribor erstmals auf einem Weltcup-Siegerpodest. Und nur zwei Wochen später gewann ich in Sestriere mein erstes Weltcuprennen – und erst noch im Slalom.
Es folgte die WM in der Sierra Nevada. Wer erinnert sich nicht an den Riesenslalom. Mit Startnummer 1 distanzierte ich im ersten Lauf alle um mehr als eine Sekunde. Zweiter Lauf, viertes Tor: Innenski, Sturz, alles weg – kein Gold, nicht einmal eine Medaille.
 
Das konnte ich schwer verarbeiten und hatte sicher noch zwei Jahre daran zu beissen.
 
Zu beissen hatte ich auch wieder mit dem Knie. Im März 1996, also noch Mitten in der Enttäuschung von der Sierra Nevada, folgte die sechste Operation. Knorpel!
 
Dieser Knorpel liess mir wie von den Ärzten prophezeit keine Ruhe. Im Sommer konnte ich kaum trainieren. Die Ärzte redeten mir wieder ins Gewissen. Und eigentlich wusste ich es ja selber: So hat es keinen Sinn, es gibt auch ein Leben ohne Spitzensport und sportinvalid wollte ich auch nicht werden.
 
Doch im Weltcup hatte ich schon erfahren, wie schön Erfolge sind. Ich wollte noch mehr davon. Ich wollte nich meine Ziele einfach begraben. Marc Girardelli und Deborah Compagnoni könnten ja auch ein Buch über ihre Verletzungen schreiben und hatten trotzdem Erfolg.

Psychisch auf dem Zahnfleisch

Aber es gab auch die anderen Momente: Ich hatte einfach keine Energie mehr für weitere Spitalaufenthalte und Phystiotherapie. Sieben Jahre lang verbrachte ich mehr Zeit in Spitälern und in der Physio als auf der Skipiste.
 
Psychisch lief ich auf dem Zahnfleisch. Ich erkundigte mich nach der Ausbildung zur Krankenschwester.
 
Die Karriere hing an einem dünnen Faden. Dass dieser Faden nicht riss, lag daran, dass mich Alpinchef Theo Nadig nach Bad Ragaz zu Dr. Rolf Hohmeister schickte.
 
Ohne diesen Arzt hätte ich keine Rennen und keine Kristallkugeln gewonnen und wäre ich nicht Weltmeisterin geworden!


4. Teil: Eigener Trainer, aber pleite

Die sechs Operationen hatten ihre Spuren hinterlassen. Immer öfter musste ich Trainings abbrechen oder früher heimreisen. Im Konditraining konnte ich nicht joggen, keine Sprünge machen, nicht einmal Kniebeugen.
 
Mit meinem Partner Hans tauschte ich viele Gedanken aus. Es war klar, dass ich nicht mehr fähig war, ein geordnetes Mannschaftstraining mitzumachen. Ich musste zur Einzelgängerin werden mit eigenem Trainer.
 
Also sprach ich mit Alpinchef Theo Nadig über die Idee, ich hatte auch die Unterstützung von Dr. Rolf Hohmeister. Aber die grösste Unterstützung bekam ich von meinem Freund Hans. Ohne ihn hätte ich den Plan nicht durchgezogen.
 
Theo Nadig willigte nach einigen Sitzungen ein und stand immer voll hinter mir.
 
Mein Trainer war der Österreicher Sepp Brunner. Ich bezahlte ihn aus dem eigenen Sack. Erst als ich Erfolg hatte, übernahm der Verband den Lohn. Zu jener Zeit hatte ich überhaupt kein Geld. Woher auch? Weil ich ja abseits des Teams keinen Physiotherapeuten zur Verfügung hatte, kaufte ich mir ein Muskelstimulationsgerät. Bei Hans musste ich mir dafür 5000 Franken ausborgen.
 
Wir trainierten im Sommer und Herbst nur in Sölden, weil wir dort mit dem Auto schnell an- und wieder wegfahren konnten. Ich durfte nur auf autobahnähnlich präparierten Pisten trainieren, ohne Unebenheiten und Schläge. Die Leute in Sölden haben mich sehr unterstützt. Einen Skidoo hatte ich selbst mitgebracht, um wieder an den Start der Trainingsläufe zu kommen. Wir waren oft schon um 5.30 Uhr am Morgen auf dem Gletscher – und um 9 Uhr schon wieder im Hotel. Länger konnte ich nicht trainieren.
 
Im ersten Sommer sind wir 32 Mal nach Sölden gefahren. Meistens konnte ich nur zwei Tage am Stück trainieren, wenns ganz gut ging drei Tage. Und sonst konnte ich nichts anderes tun, als für 90 Minuten auf den Hometrainer zu sitzen. Weil mir das dann verleidete, ging ich einmal mit Sepp Brunner für 90 Minuten joggen. Am nächsten Morgen fuhren wir heim – Wasser im Knie.
 
In diesem Rhythmus arbeiteten wir Jahr für Jahr. Und alle sechs Wochen ging ich bei Dr. Rolf Hohmeister vorbei, der mir eine Spritze ins Knie setzte – quasi als Schmierung.

5. Teil, Ende: Es hat sich gelohnt - trotz allem

2003, nach der WM in St. Moritz, zog ich mir bei einem Trainingssturz erneut einen Kreuzbandriss zu. Nach fünf Monaten stand ich schon wieder auf den Ski. Und neun Monate nach dem Unfall stand ich in Park City im Slalom wieder auf dem Siegerpodest, also im Dezember 2003. Es sollte der letzte Podestplatz meiner Karriere sein.
 
Ich kämpfte zwar um den Anschluss, aber ich schaffte es nicht mehr. Es kamen Trainerwechsel dazu, ein Schuhwechsel und im Frühling 2005 meldete sich wieder einmal das Sorgenknie – siebte Operation.
 
Aber vor dem schleichenden Ende meiner Karriere gab es wunderschöne Erfolge. 2001 in St. Anton war ich als Seriensiegerin im Weltcup die grosse Favoritin im WM-Riesenslalom. Ich musste Gold gewinnen, Silber wäre schon eine Niederlage gewesen. Ich habe es geschafft. Die Freude und die Genugtuung, die ich erlebte, kann man mit Worten nicht beschreiben.
 
Ich bin dankbar und stolz auf das, was ich erreicht habe, was ich erleben durfte, auch wenn ich mir den Abgang von der Weltcupbühne etwas anders vorgestellt habe. Aber ich kann mit Überzeugung sagen, dass der Sport die beste Lebensschule ist und ich ihn nur empfehlen kann. 
 
Die Hürden sind hoch, die oft im Weg stehen, und Steine, die in den Weg gelegt werden, gibt es auch genügend. Aber man muss Schwierigkeiten überwinden, egal wie. Ich denke, das ist auch im „normalen“ Leben so.

Last Updated ( Monday, 27 November 2006 )
 
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